Leid und Worte

 

Das habe ich gut beherrscht: Menschen verbal zu verletzen, sie verbal zu enttäuschen.
Jedes Mal, wenn ich nicht weiter gewusst habe. Jedes Mal, wenn Wut in mir aufgestiegen ist, weil mir die Argumente ausgegangen sind, habe ich in die tiefste Schublade der verbalen Kommunikation gegriffen und meine Liebsten mitten in ihre wunden Punkten getroffen. Sie mit den Dingen, die sie am meisten triggern, verletzt. Mir tat es immer sofort leid (das meine ich ernst!). Ich wusste, was für eine »Arschaktion« das war, aber in diesem Augenblick wusste ich mir nicht anders zu helfen. Ich stach verbal zu, ich verletzte mein Gegenüber mit Worten. Das ist genauso schlimm wie physische Gewalt, wenn nicht noch schlimmer. Psychische Gewalt kann sehr viel Schaden anrichten. Sie war für mich als Kind sogar schlimmer als physische Gewalt. Wenn ich nicht folgte habe ich eine sogenannte „Dochtl“ (Ohrfeige) bekommen. Das war weniger schmerzhaft für mich, als wenn mir gesagt wurde: „Du bist dumm!“ oder „Du bist ja wirklich für nichts zu gebrauchen!“
Bitte nicht falsch verstehen: Nur weil es mir so lieber war heißt das nicht, dass es in Ordnung ist. Jegliche Form der Gewalt ist falsch!

Zum Thema psychische Gewalt habe ich in den Yoga-Geschichten von Bernd Balaschus und Doris Iding einen passenden Text dazu gefunden. Darin geht es um einen Jungen von streitsüchtiger Natur.

Die Eltern diesen Jungen hatten ein kleines Lokal. Der Junge half in der Küche aus.

Wie gesagt, er war sehr streitsüchtig und verlor leicht die Beherrschung.

Sein Vater machte ihm eines Tages einen Vorschlag.

Jedes Mal, wenn er die Beherrschung verliere, solle er einen Nagel in die Wand einschlagen.

Er schlug viele Nägel ein. Da er aber merkte, wie streitsüchtig er war und sich zu beherrschen versuchte, wurden es mit der Zeit immer weniger, bis er gar keine Nägel mehr einschlug.

Sein Vater war sehr stolz und ließ den Jungen für jeden Tag, an dem er sein Temperament unter Kontrolle halten konnte, einen Nagel von der Wand entfernen.

Es gelang ihm, nach sehr viel Zeit und Anstrengung, alle Nägel aus der Wand zu entfernen.

Da lief er stolz zu seinem Vater, auch dieser war sehr stolz über die Entwicklung seines Sohnes.

Doch sagte er zu ihm: “Sieh dir diese Wand an. So wie die Nägel Löcher hinterlassen haben, so haben deine Worte selbst nach einer Entschuldigung Narben hinterlassen.

Den Spruch im Bild hatte ich viel früher gedichtet, aber das Bild dazu entstand aus dieser Geschichte. Es symbolisiert die Verletzung, die durch verbale Gewalt entsteht, sehr gut.

Ich hatte vor geraumer Zeit meinen ersten Kontakt mit gewaltfreier Kommunikation. Mir fiel das Buch »Gewaltfreie Kommunikation« von Marshal B. Rosenberg in die Hände, begann es zu lesen und war begeistert. Ich beschloss daraufhin, mich in gewaltfreier Kommunikation ausbilden zu lassen und es selbst zu unterrichten. Das werde ich heuer angehen.

Es liegt soviel Potential in gewaltfreier Kommunikation.

In dieser Geschichte geht es aber um die Wut, doch gewaltfreie Kommunikation fängt schon viel früher an.
Ich hatte heute zu dem Wort »Wut« eine Eingebung.
»Wut« 
ist einfach eine Abkürzung zu „Was uns triggert“.
Was uns in die Enge treibt, was uns Dinge tun und Wörter sagen lässt, die wir hinterher bereuen. Dazu gibt es später einen eigenen Blogartikel.

Die Wut deutet meistens auf eine tiefere, verborgene Verletzung hin. Oder wenn man mit seinen eigenen Fehlern konfrontiert wird, macht einen das oft wütend, unrund.

Beispielsweise fahre ich zu meinen Terminen immer zu spät weg und werde dann wütend weil ich einen Schleicher vor mir habe oder weil gerade der Verkehr zäh ist, was aber für diese Zeit eigentlich ganz normal ist. Mittlerweile, wenn ich merke es kommt hoch, sage ich mir schon: »Beruhige dich, sie können für deine Unzulänglichkeit nichts, es ist an dir früher weg zu fahren«.

Es haben mich aber auch Atemübungen und Meditationen dabei unterstützt. Ich glaube, dass viele ihre eigenen Fehler auf andere mit Wut projizieren oder aber auch ihre eigenen Triggerpunkte haben.

Einer meiner Triggerpunkte, mit dem ich mittlerweile umgehen kann ist, wenn ich gefragt werde: “Kannst du das, bist du dir sicher, dass das so funktioniert?“ Einmal fragen war ja noch o.k. Aber wenn ich dann längere Zeit gebraucht habe und die Frage kam in gewissen Abständen immer und immer wieder, dann wurde ich meistens grantig. Weil ich der Meinung war die Person glaubt, dass ich das nicht kann, dass ich eh für alles zu blöd bin. Warum? Weil sich das in meiner Kindheit über so manche Aussagen meines Vaters manifestiert hat.

Um das in den Griff zu kriegen, müssen wir uns unserer Wut und unseren Ängsten bewusst sein, sie akzeptieren. Denn wenn wir sie akzeptieren, legen wir keine Kraft hinein und sie können uns nicht übermannen. Wir müssen nur wissen, was unsere Wut auslöst, welche Punkte uns an triggern. Wenn wir das wissen können wir reagieren und gegensteuern.

Ich freue mich auf eine Welt, in der wir alle miteinander respektvoll auf Augenhöhe kommunizieren.

Euer Mike.

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