Gefühle vs. Gedanken

Ich weiß nicht, wie es bei euch war. Aber ich wurde als Kind so erzogen, dass man stark sein muss, keinerlei Verletzlichkeit zeigen und keine Gefühle offenlegen darf. Andersrum - Gefühle , solange sie oberflächlich oder Pseudogefühle sind, sind o.k, sogar wünschenswert.

Warum?
Weil diese oberflächliche Gefühlswelt uns doch noch ein wenig menschlich erscheinen lässt und uns von unserer Entwicklung ablenkt. Aber echter Schmerz wird unterdrückt, wird versteckt oder von jemand anderem ganz schnell "weggetröstet", weil dieser andere den offenen Schmerz nicht aushält.

Ich wurde so erzogen, dass wir Männer immer stark sein müssen. Immer zu funktionieren haben. Wobei ich glaube, dass beide Geschlechter so erzogen werden. Ich weiß, dass meine (Stief)Mutter unendlichen Schmerz hatte, den sie auf ihre Art bekämpfte. Aber geredet hat sie nie darüber. Letztendlich zerbrach sie an ihrem Schmerz.

Diese Erziehung führte dazu, dass ich auf einer Seite oberflächlich sentimental wurde. Damit meine ich, dass ich bei jedem traurigen Film weinte, aber echten Schmerz vergrub ich in mir. Der wurde nicht gezeigt.

Über die Jahre hatte ich gelernt, mich zu öffnen. Ich fing sogar an, Gedichte über meine Gefühlswelt zu schreiben. Aber wie wichtig es ist, über seine Gefühle zu sprechen, habe ich erst durch Rosenbergs Gewaltfreie Kommunikation gelernt.

Bevor ich aber genauer darauf eingehe, möchte ich noch eine Erkenntnis zu unterdrückten Gefühlen äußern.

Was können unterdrückte Gefühle auslösen?

Dazu möchte ich sagen, dass es wirklich mein Eindruck, meine Wahrnehmung meine Vermutung ist. Ich habe weder recherchiert, ob es schon Ansätze in diese Richtung gibt, noch sonst irgendwie Studien durchgeführt. Vielleicht ist es schon ein altbekanntes Thema und ich halte mich gerade für besonders weise.

Keine Ahnung. Wenn es für euch auch etwas Neues ist und ihr bestürzt seid, dann möchte ich mich gleich bei jedem entschuldigen, dem ich zu nahe getreten bin. Ich bitte aber auch gleichzeitig darum, sich dieser Annahme hinzugeben und einfach mal in diese Überlegung reinzuspüren.

Ein Mensch, den ich über alles liebe, ist schon seit ich ihn kenne ein "Grantscherm" (österreichisch für einen Menschen, der immer schlechte Laune hat).

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Quelle: Pixabay

Er hat tatsächlich viel mehr geschimpft und sich über seine Mitmenschen geärgert, als sich am Leben erfreut. Das wird jetzt mit zunehmenden Alter immer schlimmer. Seine Lebensgefährtin leidet unter schweren Depressionen. Nicht nur seinetwegen, darunter litt sie schon vorher.

Ich wusste nicht, was man sich darunter vorstellen kann, bis ich vor kurzem bei so einem Zusammenbruch dabei war. Ich war ängstlich, hilflos, traurig und bestürzt, als ich gesehen habe, was das in einem Menschen auslöst.

Was löste das bei mir aus?

Noch mehr betroffen hat mich gemacht, als ich sah, wie sich ihr Lebensgefährte während und nach der Therapie um sie kümmern wollte und es nicht zuwege brachte. Einfach, weil er es nicht gelernt hatte. Er bemühte sich, wusste aber gleichzeitig nicht, was er besser machen konnte, um mit ihr in Verbindung zu kommen. Anstatt ihr Empathie zu geben, versuchte er sie mit aller "Gewalt" und, für diese Situation unpassendem, Humor aufzuheitern und zu trösten.

Das stimmte mich nachdenklich und traurig. Wir lernen viel in der Schule. Aber keine soziale Kompetenz, keinen mitfühlenden Umgang. Wir lernen nicht, wie wir unser Gefühl richtig zeigen, nicht in der Schule und auch nicht in jedem Elternhaus.

Gefühle nicht zu zeigen ist der gemeinsame Auslöser für diese doch verschiedenen Symptome. Ich würde extrem unzufriedene Menschen, die nur nörgeln, auch als depressiv bezeichnen. Oder vielleicht im Vorstadium dazu. Der eine schweigt, der andere nörgelt aber keiner redet über seine Gefühle. Wir haben verlernt, uns zu zeigen, unsere Gefühle und Bedürfnisse zu benennen.

Unterdrückte Gefühle können aber noch viele andere Krankheiten auslösen. Sie können auf den Magen oder aufs Herz schlagen oder dich innerlich auffressen, wenn du sie hinunterschluckst. Die Sprichwörter kommen nicht von irgendwo her, sie haben schon ihre Bedeutung.

Dabei sind Gefühle so etwas Wunderbares, eine bereichernde Orientierungshilfe. Wie ich es schon mal geschrieben habe.

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Quelle: Pixabay

Gefühle sind ein Kompass,
ob unsere Bedürfnisse erfüllt sind oder nicht. 

Wie kann ich meine Gefühle zeigen?

Ohne gleich als Waschlappen beschimpft oder gleich überfahren zu werden?
Zum einen durch Selbstvertrauen und Selbstliebe, dann kann mich "keine" Aussage erschüttern.

Möglicherweise hat derjenige, der das sagt, nur Angst. Weil er nicht weiß, wie er damit umgehen soll und das ist seine Abwehr, um sich zu schützen.

Wie und wo hilft es uns, wenn wir unsere Gefühle zeigen?

Ich hatte anfangs erwähnt, dass ich erst richtig gelernt habe mich zu öffnen, als ich mich Rosenbergs Gewaltfreier Kommunikation hingab. Sie stellt für mich eine sehr wertvolle Art zu kommunizieren dar.

Marshall B. Rosenberg geht davon aus, dass es in der Kommunikation wichtig ist, unsere Gefühle auszusprechen.

Warum ist es wichtig, über Gefühle zu sprechen?

Eben weil sie ein Kompass sind. Nicht nur für einen selbst, sondern auch für das Gegenüber.

Wichtig dabei ist, niemandem die Schuld für seine Gefühle zu geben. Die Tat oder Handlung eines anderen kann der Auslöser dafür sein, wie wir uns fühlen, aber niemals die Ursache. Wenn die Tat eines anderen dich traurig oder fröhlich stimmt, dann war er insofern der Auslöser, weil er etwas gesagt oder getan hat, was bei dir ein Bedürfnis nicht erfüllt oder erfüllt hat.

Beispiel:

Du wünschst dir gerade Nähe und träumst von einem gemütlichen Abend zu zweit. Auf einmal ruft dich dein Partner an und sagt, dass er länger arbeiten müsse.
Was geschieht? Dein Herz zieht sich zusammen, dein Tagtraum zerplatzt und du wirst traurig.  Er ist aber nicht schuld, dass du traurig bist, sondern der Fakt, dass er länger arbeitet, während du gerade Nähe benötigst und schon alles in deiner Fantasie geplant hast.
Möglicherweise hat dein Partner Tage zuvor auch schon länger arbeiten müssen? Dich hat es zu dieser Zeit vielleicht nicht gestört, weil du das Bedürfnis nach Ruhe hattest und du es dir mit einem schönen Waldspaziergang erfüllt hast.

Daran ist zu erkennen, dass nicht der andere an deinem Gefühl schuld ist, sondern es nur bei dir auslösen konnte, weil du eine ganz andere Vorstellung hattest.

Ein anderes Beispiel: Dir macht jemand ein Geschenk und du freust dich sehr über die Aufmerksamkeit, weil du sie gerade dringend benötigst. Genau diese Kombination, eine nette Geste, die dein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit erfüllt, löst bei dir Glücksgefühle aus.

Was kannst du jetzt tun?

Eine der Grundannahmen in der Gewaltfreien Kommunikation ist:

"Die Handlungen oder Aussagen anderer
können nie die Ursache deiner Gefühle sein,
höchstens der Auslöser."

Wenn wir das beherzigen und somit nicht in Schuldzuweisungen fallen, dann ist schon ein großer Schritt in eine verbindende Richtung gegangen worden.
Bleiben wir beim ersten Beispiel:

Wie reagieren wir im Normalfall darauf, wenn in unserem Kopfkino schon ein schöner, gemütlicher Abend zu zweit stattfindet und uns unser Partner dann offenbart, dass er länger arbeiten müsse?
Entweder reagieren wir ärgerlich, beschuldigend oder antworten in einem versucht neuralen aber doch unterschwelligen Tonfall mit: "Ok, macht nichts, dann bis später." - und fressen es hinein.

Beides hilft uns nicht, in Verbindung mit dem anderen und mit uns selbst zu bleiben. Wenn wir uns aber hingegen outen und sagen, dass wir traurig sind und warum wir traurig sind, dann kann das sehr viel bewirken. Vor allem bewirkt diese Aufrichtigkeit ein harmonisches, ehrliches Miteinander. Wir können sagen: "Das stimmt mich traurig, weil mir gerade Nähe wichtig ist." Oder, passend zu unserem Umgangston: "Das finde ich aber schade, weil ich gerade wen gebraucht hätte."

Ganz wichtig dabei ist, es ernst zu meinen, um mit dem anderen in Verbindung zu bleiben. Lassen wir unser Herz sprechen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch wenn Wahrheit schmerzt, sie mehr verbindet, als jede gut gemeinte Ausrede oder Lüge.

Unser Gefühlswortschatz!

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Marshall B. Rosenberg hat in seinem Buch über "Gewaltfreie Kommunikation" einen Ausschnitt einer Aussage des Psychoanalytiker Rollo May zitiert:

" [...] dass, der reife Mensch die Fähigkeit entwickelt, Gefühle in genau so viele Nuancen zu differenzieren, wie sie auch in den unterschiedlichen Musikpassagen einer Symphonie vorkommen. Für viele von uns sind jedoch die Gefühle so begrenzt wie die Töne eines Holzbläsers"

Wie können wir unseren Gefühlswortschatz aufbauen?

Anstatt auf die Frage: "Wie geht es dir?" nur mit "Es geht mir gut." zu antworten, können wir auch einfach das dahinterliegende, ehrliche Gefühl benennen. Es geht einem nicht immer gut, aber trotzdem sagen wir es. Weil wir vermuten, dass die Frage nicht ernst gemeint ist. Aber versuchen wir es doch einmal. Dann sehen wir, wer es wirklich ernst meint.

Dann gilt es noch, zwischen Gefühlen und Gedanken (Pseudogefühlen) zu unterscheiden.

Wir sagen viel zu oft: "Ich fühle mich ...!" -  und meinen damit "Ich denke, dass ...!"
Wie z. B.: "Ich habe das Gefühl, du liebst mich nicht."
Das ist kein Gefühl, sondern du denkst aus irgendeinem Grund, wegen irgendeiner Handlung, dass dich dein Gegenüber nicht mehr liebt und unterstellst es ihm.

"Ich fühle mich missverstanden."  ist genaugenommen eine Unterstellung, dass mich mein Gegenüber oder eine Gruppe nicht versteht. Dabei habe ich entweder Angst, falsch verstanden zu werden oder bin verärgert, weil ich nicht verstanden werde. Das sind die Gefühle dahinter.

Wenn ich meine echten Gefühle ausdrücke, brauch ich das Wort "fühlen" gar nicht dazu.
Anstatt zu sagen "Ich fühle mich traurig." kann ich ganz einfach sagen "Ich bin traurig."
Aber wenn ich sage "Ich fühle mich missverstanden." kann ich es nicht durch
"Ich bin missverstanden." ersetzen.
Ein ganz einfacher Trick, der so vieles bewirkt.

Ich kann euch aus eigener Erfahrung sagen, dass die Welt und die Umgebung um so vieles schöner wird, wenn man zu seinen Gefühlen steht.

Ich wünsche euch viele schöne Momente beim Entecken eures Gefühlswortschatzes und beim Ausdrücken eurer Gefühle.
Vielleicht bei einer Partie Scrabble? 🙂

Euer Mike

PS: Du hast Interesse an dieser Art der Kommunikation?
Schau dir die Termine an!

3 Antworten auf „Gefühle vs. Gedanken“

  1. Lieber Mike
    Ein wunserbarer Artikel. Die Aussage „keine noch so grobe Beleidigung eines anderen kann mich ohne mein Zutun verletzen“ oder so ähnlich meint nach Byron Katie auch wie „es ist nicht meine Aufgabe dich zu lieben sondern deine“ auch nicht, dass ich meine Gefühle unterdrücken soll, sondern sie annehmen und untersuchen, was ich selbst damit zu tun habe. Wie du schreibst, wenn ich selbst weiß und mir eingestehe, dass ich mir gerade heute einen näheabend gewünscht habe, dann kann ich eine Ablehnung annehmen, da mir bewusst ist, dass das nichts mit meinem gegenüber zu tun hat. Ob ich das dann überhaupt noch zu äußern brauche, ist für mich die andere frage. Wichtig ist für mich, mir selbst meine Ent-Täuschung einzugestehen und nicht die Schuld zu sehen. Darum liebe ich The work, weil es hier darum geht, diese Glaubenssätze zu untersuchen und doch jeder zu uns selbst zurückführt. Ich sehe beide Ansätze auch ziemlich ähnlich. Es geht in beiden darum, sich seiner eigenen Bedürfnisse und Gefühle bewusst zu werden und für sie einzustehen oder unsere Erwartungen an den anderen.
    Herzlichst Johanna

    1. Hallo Johanna
      Ich habe auch schon vieles über Byron Katie gehört und sogar ein Buch von ihr, liegt aber zur zeit auch in meinen SUB 😉
      Deshalb würde mich dein Kurs “The WORK” am Samstag, 16. Februar 2019 von 10:00 bis 18:00 in Wien wirklich sehr interessieren.
      Ich hoffe du gibst noch mehr Kurse und wünsche dir dabei viel Erfolg.
      Wen wer Interesse an The Work hat hier der Link
      https://www.facebook.com/events/2260620043950082/

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